9-Tage Vipassana Retreat in Chiang Mai, Thailand - 2025 - Teil 1
"Step by Step, Anni" - Nok (mein Trekking Guide)
Als Achtsamkeitslehrerin ist es für mich sehr wichtig, mich stetig weiterzubilden und selbst zu praktizieren, was ich weitergebe. Dieses Jahr habe ich mir für meine Weiterbildung ein Vipassana-Schweige-Retreat in Chiang Mai, Thailand ausgesucht. Warum Thailand? Ich würde jetzt gerne sagen, dass es einen tieferen Sinn hatte, genau hier einzukehren. Die Wahrheit ist jedoch: Ich hatte Fernweh und wollte mein Retreat mit meinem Jahresurlaub in einem spannenden neuen Land verbinden. Thailand stand schon lange auf meiner Wanna-travel-Liste und es war eine Gelegenheit, den Theravada-Buddhismus (eine buddhistische Strömung) kennenzulernen.
Gleichzeitig hatte ich das Retreat auch bitter nötig. Das Jahr war für mich extrem auslaugend. In meinem Hauptberuf in der Softwareentwicklung gab es eine Menge Neuerungen, die mit viel Chaos einhergingen. Diesen Prozess habe ich zudem als Vertrauensperson des Unternehmens begleitet, was mir emotional viel abverlangt hat. Zur selben Zeit habe ich meinen Zertifizierungskurs an der Volkshochschule gegeben: wochenlange Vorbereitungen, Dokumentationen und dann die zehn Wochen Kurs. Effektiv hatte ich mehrere Monate kein Wochenende zum Entspannen. Mein Urlaub im August war stressig, und ich kam sehr krank zurück – lag am Ende fast einen Monat flach. Und im September kamen dann noch familiäre und finanzielle Sorgen hinzu. Kurz gesagt: Ich war ausgebrannt.
Am 3. November 2025 ging es also los – von Hamburg nach München, von München nach Bangkok und von Bangkok nach Chiang Mai.
Am 4. November kam ich also abends an und es ging zunächst ins Hotel. Die folgenden Tage verbrachte ich mit Sightseeing und dem Yee-Peng-Festival in Chiang Mai, was ein unheimlich schöner Einstieg in den Urlaub war.
Mittwoch, 4. November: Tag 1 des Retreats
Ich werde am Meditationszentrum des Tempels „Wat Phra That Doi Suthep“ auf einem Berg über der Stadt abgesetzt. Ich begebe mich zur Administration, fülle einen Zettel mit meinen persönlichen Angaben aus und bekomme meinen Zimmerschlüssel. Der Mitarbeiter leitet mich zum Haus 1 ein paar Meter den Hügel hinunter. Am Abhang stehen drei Wohngebäude mit jeweils ca. zehn Zimmern. Meine ersten Gedanken: „Ich dachte, wir wären am Tempel untergebracht – hier ist ja nichts außer Wohngebäuden und Urwald!“
Ich watschele den steilen Abhang hinunter und finde nach kurzer Suche mein Zimmer. Es ist ein kleiner Raum, ca. 2,5 × 3 m Fläche, mit lediglich einem schlichten Bett mit Kissen und Wolldecken. Die Fenster sind im Prinzip offen und haben eine Moskitogaze angebracht. Rustikal. Es gibt keinen Schrank, keinen Tisch, nichts. Eine Kleiderstange an der Wand – das ist alles. Das geteilte Badezimmer besteht aus einer Dusche, zwei Toiletten (ohne Klopapier, nur mit Po-Dusche) und zwei Waschbecken (eigentlich drei, aber das dritte scheint defekt zu sein und der Wasserhahn ist mit einem großen Stein beschwert). Ich beginne, mich einzurichten, und atme tief durch. Dies wird meine Unterkunft für die nächsten neun Tage sein.
Unterkünfte
Es gibt 3 Wohngebäude, Männer und Frauen getrennt. Jede/r hat sein eigenes Zimmer. Und dann noch das Haupthaus mit den Meditationshallen, dem Büro und der Speisehalle.
Um 14:30 Uhr gehe ich zur Einweisung ins Hauptgebäude. Ein junger Mönch heißt mich und vier weitere Neuankömmlinge willkommen und gibt uns eine Einweisung in die Abläufe und die Meditation. Er wirkt sehr sympathisch. Es gibt einen Haufen Regeln zu befolgen:
- Kein Lebewesen töten
- Keine sexuellen oder romantischen Handlungen
- Kein Alkohol, keine Drogen oder Ähnliches
- Kein festes Essen nach 12:01 Uhr mittags
- Kein Stehlen
- Kein Lesen oder Schreiben (inklusive Handy, Internet, Chatten etc.)
- Kein Sprechen (außer im Notfall, wenn es nicht anders geht)
- Keine Schönheitsprodukte (Make-up, Kleidung, Frisuren, Schmuck etc.)
- Kein komfortables Bett oder komfortables Sitzen. Beim Sitzen am Boden dürfen die Füße nicht auf Buddha, Mönche oder andere Praktizierende gerichtet werden.
Dies sind keine außergewöhnlichen Regeln; sie gelten eigentlich in allen Schweigeretreats. Oft werden in Europa Anpassungen gemacht, die mehr der Kultur entsprechen. Bei gesundheitlichen Problemen können natürlich Ausnahmen gemacht werden – nach Absprache.
Um 15:30 Uhr steht dann unsere Willkommenszeremonie an. Wir begeben uns in die Lehrhalle zum Schrein. Es liegen schon Kissen und Opfergaben auf goldenen Tellern bereit (die Opfergaben sind Plastikblumen). Wir lassen uns auf den Kissen nieder (auf Knien, denn das ist höflich) und warten auf unseren Lehrer. Der Mann aus dem Büro sagt uns, was zu tun ist.
Der Lehrer betritt den Raum durch eine Hintertür. Er schaltet einen Lautsprecher für sein Mikrofon an und kniet sich vor den Schrein. Wir müssen uns nun alle vor Buddha verbeugen, dreimal. Dann bekommen wir Gesangsblätter und chanten gemeinsam mit dem Lehrer. Der Text war zwar in westlicher Schrift abgebildet, aber die Worte sind Pali (Sprache). Ich fühle mich überfordert. Ich gebe mir die beste Mühe, den Tonfall und die Worte zu imitieren, die mir vorgesungen werden, aber es muss grässlich klingen. Nach ca. zehn Minuten gesanglicher Verzweiflung dreht sich der Lehrer um. Wir dürfen nun „bequem“ sitzen. Und plötzlich taut alles auf. Der Lehrer lächelt und heißt uns auf Englisch herzlich willkommen. Er ist schwer zu verstehen, da er einen starken Thai-Akzent hat. Er ist sich dessen bewusst und entschuldigt sich.
Ich weiß nicht mehr genau, was er uns alles sagte, aber es war eine Mischung aus Einweisung, Anekdoten und Witzen. Ich fühle mich endlich gut aufgehoben und gewinne Vertrauen.
Nach ca. einer Stunde werden wir in die eigene Praxis entlassen. Bis 18 Uhr haben wir nun Freizeit. Ich begebe mich erst einmal zurück aufs Zimmer und ruhe mich etwas aus. Ich habe jetzt schon großen Hunger, aber heute wird es nichts mehr zu essen geben. Von 12:01 Uhr mittags bis 07:00 Uhr morgens wird gefastet. Ich habe mir allerdings noch einen Snack vom Frühstücksbuffet im Hotel mitgebracht und verputze diesen – gegen die Regeln. Aber das Essen wegschmeißen möchte ich auch nicht. Eine gute Tat, sage ich mir.
Um 18 Uhr geht es zum Chanting. Alle Teilnehmenden (ca. 15 an der Zahl) kommen in der Halle zusammen und wir singen buddhistische Schriften zusammen mit unserem Lehrer. Seinen Namen hat er nie gesagt. Er nennt sich „Teacher“ und so nenne ich ihn ab jetzt auch.
Das Chanting ist sehr überfordernd. Die Texte sind lang und kompliziert, und ich verstehe weder ein Wort noch die Aussprache. Das Tempo ist so schnell, dass ich immer wieder zum Luftholen pausieren muss. Ich mache große Augen und gebe mein Bestes. Aber Teacher scheint das schon zu kennen. Er ist nachsichtig.
Im Anschluss gibt es noch einen kurzen Dhamma Talk, also ein paar Anekdoten, die die buddhistische Lehre vermitteln. Teacher ist unterhaltsam, auch wenn ich nur jeden dritten Satz verstehe.
Der Tag endet mit zwei Stunden selbstgeführter Meditation: 15 Minuten Gehen und dann 15 Minuten Sitzen, mit Anweisungen für das Lenken der Aufmerksamkeit. „Left foot, right foot, left foot, right foot …“ – „Linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß, rechter Fuß …“ sollen wir mental kommentieren. „Rising, falling, sitting …“ – im übertragenen Sinne „einatmen, ausatmen, sitzen …“ für die gesamte Dauer der Meditationen.
Um 21 Uhr ist dann Nachtruhe. Ich bin todmüde und aufgedreht zugleich und kann nicht einschlafen. Das Bett ist hart wie ein Brett. Meine Rippen und Hüfte schmerzen beim Liegen. In der Umgebung sind viele Naturgeräusche zu hören und meine Gedanken rasen, um die neuen Eindrücke zu verarbeiten.
Donnerstag, 5. November: Tag 2
Um 5 Uhr stehen wir auf. Eine kurze Katzenwäsche und dann beginnt im Hauptgebäude der Dhamma Talk mit Teacher. Die Sitzung beginnt wieder mit den üblichen Verbeugungen, und dann bittet Teacher uns, es uns bequem zu machen – was schwerfällt, da die Meditationskissen sehr dünn sind.
Teacher beginnt seinen kleinen buddhistischen TED-Talk, und auch wenn es schwerfällt, ihn zu verstehen, so höre ich ihm wahnsinnig gerne zu. Er erzählt Anekdoten aus dem Leben und streut immer einmal wieder ein paar Witze ein, entschuldigt sich dann aber direkt wieder für seine Unverschämtheiten. Er spricht davon, wie sich alle sieben Jahre unsere Zellen regenerieren und wir uns aber auch alle sieben Lebensjahre insgesamt verändern – vom Kleinkind zum Kind, zum Teenager, zum Erwachsenen. Und auch wie romantische Beziehungen nach sieben Jahren oft zu kriseln beginnen, weil man sich verändert hat und oft eben nicht in dieselbe Richtung. Alles ist im Wandel. Und er ermutigt uns auch, nicht zu hart mit uns selbst und unserer Praxis zu sein. „We are all imperfect.“ – „Wir sind alle unvollkommen“, sagt er. Selbst die Mönche haben ihre Laster. Das Wichtigste sei, dass man sich Mühe gebe. In der Praxis wie im Leben. Wenn wir eine Sache mitnähmen, dann dies: „Don’t do bad, do good!“ – „Tu nichts Böses, tu Gutes.“
Nach dem Dhamma Talk ist endlich Zeit, das Fasten zu brechen und zu frühstücken. Ich erhoffe mir ein ähnliches Frühstück wie damals in Nepal im Kloster: Porridge und etwas Gebäck mit Marmelade. Ich werde leider herb enttäuscht. Es gibt einen Teller Reisnudeln mit Sojasprossen und etwas Dressing. Es schmeckt gut, aber natürlich ist es fern von europäischen Frühstücksgewohnheiten. Ich bin trotzdem dankbar, denn der Hunger ist zu diesem Zeitpunkt schon sehr groß.
Von 8–11 Uhr geht es dann wieder in die eigene Praxis: 15 Minuten Gehmeditation, dann 15 Minuten Sitzmeditation und 5–10 Minuten Pause, bevor der Zyklus von Neuem beginnt. Es geht mir recht gut von der Hand, wenn auch das ständige mentale Kommentieren anstrengend ist und die Zeit dabei viel langsamer vergeht als bei meinen gewohnten Meditationen.
Beim Lunch später sollen wir über das Essen reflektieren. An jedem Tisch liegt ein laminiertes Blatt Papier mit Pali-englischem Text, den es gedanklich zu sprechen und zu verinnerlichen gilt. Wir essen nicht zum Genuss und auch nicht, um unseren Körper eindrucksvoll zu machen. Wir essen nur, um diesen Körper am Leben zu halten, damit die Praxis fortgeführt werden kann. Ich selbst habe mein Leben lang zum Genuss gegessen. Es fällt mir schwer, diese Gewohnheit aus meinem Kopf zu verbannen. Das Essen, das wir serviert bekommen, besteht jedoch aus schlichtem Reis mit Gemüse und etwas Sojaschnetzel. Genuss kommt bei mir keiner auf.
Essen
Es gibt 2 einfache, vegetarische Speisen um 7 und 11Uhr. Dazu Wasser oder Tee und selten auch Kaffee. Danach Fasten bis zum Frühstück.
Der restliche Tag verläuft wie gehabt: neue Instruktionen von Teacher, Praxis, Chanting, Praxis und Bettzeit. Ich habe am Nachmittag schon schrecklichen Hunger und zudem vertrage ich das Essen nicht gut. Es ist zwar frisch zubereitet, aber ich komme mit der Schärfe nicht gut zurecht, wenn der Magen leer ist. So kann ich das Essen nur kurz bei mir behalten. Das macht es zusätzlich schwierig. Ich habe noch ein paar Bonbons im Rucksack und habe mir auch abgepackte Smoothies mitgebracht. Diese bringen mich durch den Abend. Ist ein geschmolzener Bonbon feste Nahrung? Ich denke nicht. Ist Eiscreme feste Nahrung, wenn sie im Mund schmilzt? Sicher nicht, rede ich mir ein, um mein frevelhaftes Verhalten zu rechtfertigen.
Draußen bemerke ich immer mehr Geräusche. Viele Vögel, aber auch andere seltsame Geräusche. Sind sie von Tieren? Sind sie von Menschen? Ich weiß es nicht. Zudem regnet es viel und die Tropfen prasseln auf die Blechdächer. Ab und zu knallt es laut. Es klingt wie Böller, und ich vermute, dass es noch die Nachzügler vom Yee-Peng-Festival sind, bei dem viel Feuerwerk gezündet wurde. Und dann ist da noch dieses eine pfeifende Geräusch, das alle paar Minuten für ein paar Minuten anhält und verschwindet. Es geht mir fürchterlich auf die Nerven, und ich weiß nicht, wie ich es auf die Dauer ertragen soll. Soll ich den Hausmeister darauf ansprechen?
Freitag, 6. November: Tag 3
Die Nacht war kurz. Ich habe starke Schlafstörungen und komme erst gegen Mitternacht zur Ruhe. Um 5 Uhr klingelt jedoch wieder der Wecker. Es regnet und regnet. Das Frühstück ersehne ich sehr. Ich spüre, wie sehr ich daran anhafte. Aber ich kann gerade nichts dagegen tun. Ich habe solchen Hunger.
Im Dhamma Talk geht es heute um gescheiterte romantische Beziehungen und unglückliche Partnerschaften. Es gibt wieder allerhand Anekdoten und Teacher kommt zu einem Schluss: „You are the one to make yourself happy“ – „Du bist die/der Eine, die/der dich glücklich macht.“ Wie im Flugzeug, wo man im Notfall zuerst selbst die Atemmaske aufsetzen soll, bevor man anderen hilft. Wir sollten uns erst um uns selbst kümmern, bevor wir uns um andere kümmern. Wenn wir selbst glücklich seien, gingen wir mit einer anderen Energie in die Welt hinaus und würden andere Frequenzen aussenden.
Und Teacher spricht von den „Clinging Aggregates“ des Buddhismus, also den „klammernden Zuständen“: dem Festhalten an der physischen Form, den Gefühlen, der Wahrnehmung, den mentalen Prozessen und dem Bewusstsein. Sie alle sind inkonsistent. Sie sind vergänglich. Sie sind nicht „Ich“. Mit dem Konzept habe ich noch so meine Probleme, bis heute. Sie finden ja irgendwie im Kontext meines Lebens statt, und wer sagt eigentlich, dass „Ich“ konsistent sein muss? Leider bekomme ich nicht die Gelegenheit, diese Fragen mit Teacher zu klären.
Die eigene Praxis ist mittlerweile bei 20 Minuten Gehen und 20 Minuten Sitzen angelangt, und ich wundere mich, warum mir das so schwerfällt. Zuhause sitze ich oft 30 Minuten oder länger ohne Probleme. Doch hier kann ich es mir weniger gemütlich machen, und die Instruktionen erlauben wenig Raum für Ablenkung. Ich kämpfe mit Rücken- und Knieschmerzen und eingeschlafenen Beinen.
Samstag, 7. November: Tag 4
Die Schlafstörungen halten an, aber ich gewöhne mich langsam an vieles: die harte Matratze, die sanitären Anlagen, das Essen und das Praktizieren. Da mir der hygienische Zustand der Anlage nicht zusagt, beschließe ich auch, jeden Tag etwas „Arbeitsmeditation“ zu betreiben und der Anlage (und mir selbst) etwas Gutes zu tun und zu putzen. Jeden Tag eine Kleinigkeit. Es mag auch eine Anhaftung von mir sein, es mag auf einem Gefühl des Ekels beruhen, aber ich rede mir ein, dass es eine gute Tat ist und deswegen gerechtfertigt sei. So fege ich die Terrasse, wische die Terrasse, schrubbe die Dusche. Jeden Tag eine Kleinigkeit. Es gibt mir ein gutes Gefühl. Doch es schwingt auch etwas Frust mit, dass andere dies nicht tun, obwohl es ganz offensichtlich kein Personal gibt, das sich um solche Dinge kümmert.
Teacher spricht davon, dass diese Dinge, die uns stören, die uns wütend machen oder andere stark negative Gefühle auslösen, unser Lehrstück sein sollen. Sie sind eine wunderbare Gelegenheit, uns um unsere Gefühle zu kümmern. Eine Balance zu schaffen zwischen Denken und Fühlen, da wir im Alltag oft nur im Denken-Modus sind. Er spricht von EQ und IQ, von linker und rechter Gehirnhälfte. Balance zu schaffen sei der Schlüssel. Und sich um die eigenen Gefühle zu kümmern in einer Welt, in der Gefühle oft als lästige Begleiterscheinungen der menschlichen Existenz gelten (sicher auch der einiger Tiere), die weggedrückt werden.
Es regnet immer noch unentwegt. Ich habe naiverweise meine Kleidung per Hand gewaschen und auf die Leine gehängt. Ich dachte, sie würde schnell trocknen, doch bei tagelangem Regen ist dies nicht der Fall. Die Kleidung bleibt feucht. Ich mache mir Sorgen, was ich die nächsten Tage anziehen soll.
Am Abend dann entdecke ich im Bad dutzende wunderschöne Nachtfalter, die sich um die Lampe gesammelt haben. Handgroße Falter, klitzekleine Falter, gelbe mit Streifen und Pelzkragen, pechschwarze mit Pelzkragen – ich bin fasziniert und möchte am liebsten Schmetterlingsforscherin werden und sie alle dokumentieren.
Was mir mittlerweile ebenfalls Freude bereitet, ist das abendliche Chanting. Nach anfänglicher Überforderung lerne ich immer mehr Worte auszusprechen und genieße die Zeit mit Teacher und der Gruppe. Ich genieße das Singen. Es ist eh eine Aktivität, die mir Spaß macht – auch zuhause. Und es ist eine willkommene Abwechslung in der wortlosen Isolation des Retreats. Danach geht es noch einmal in die Meditationshalle für ein paar Runden stiller Praxis bei gemütlichem (künstlichen) Kerzenschein. Es ist fast idyllisch. Es ist friedlich.
Meditationshalle
In dieser Halle verbringen wir viele Stunden der Praxis. Die Matten zeigen die Länge der Gehmeditation.
Sonntag, 8. November: Tag 5
So langsam wird alles leichter. Ich genieße die Ruhe und den Frieden. Ich habe entdeckt, dass man im Büro Klopapier und Snacks kaufen kann. Ich gönne mir Klopapier, aber verzichte auf die Snacks. Ich brauche sie nicht. Ich habe zwar noch oft Hunger, aber ich kann mittlerweile gut damit umgehen. Bringt die Praxis etwa tatsächlich was?
Ich genieße das einfache Essen, genieße es, keine Spiegel zu haben, in denen ich mein Aussehen bewerten kann. Ich stehe morgens einfach auf, wasche mich, ziehe mich an und starte in den Tag. Es ist mir egal, wie ich aussehe. Und das ist wirklich total erleichternd. Ich spüre zum ersten Mal, wie viel Druck ich mir normalerweise mache, ansprechend auszusehen. Und bin froh, mal einfach sein zu dürfen, wie ich bin.
In der Meditationshalle praktiziere ich heute auf einer sehr schmuddeligen Matte, die bei mir sehr viel Ekel hervorruft. Vermutlich sind die Flecken einfach von ausgelaufenem Wasser mit etwas Staub, aber ich muss immerzu an Erbrochenes denken und habe Schwierigkeiten, die Matte zu benutzen. Ich überlege, ob ich sie wechseln soll. Doch Teachers Worte hängen mir im Kopf: „Let it be your teacher.“ – „Lass es dein Lehrer sein.“ Ich mache also meine Gehmeditation. Schrittchen für Schrittchen. Und wie Teacher uns gezeigt hat, kommentiere ich die Gefühle und versuche, sie mit liebender Güte zu halten. Fast bei jedem Schritt halte ich inne und sage mir im Kopf: „Ekel, Ekel, Ekel.“ Immer dreimal, hatte Teacher uns gesagt, um es wirklich zu verinnerlichen. Wie beim Po-Abwischen auf Toilette: einmal für das Grobe, einmal für die Reste, einmal zur Sicherheit. Und dann setze ich wieder einen Fuß vor den anderen.
Die erste Strecke ist sehr schwierig für mich. Ich möchte weglaufen. Beim zweiten Anlauf merke ich, wie es leichter wird. „Ekel, Ekel, Ekel.“ Ich umarme mich innerlich selbst und ermutige mich weiterzumachen. Beim dritten Anlauf ist es schon kaum noch ein Thema. Ich finde meinen Frieden mit der ekligen Matte und wandere meine Schritte in stoischer Ruhe. Ich bin selbst überrascht, wie gut es funktioniert.
Im Dhamma Talk geht es heute um eine Passage aus unserem Chanting: „Mettā, Mitrī, Karunā, Muditā, Upekkhā“ – das ist Pali für „Liebende Güte, Freundschaft, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut“. Die Brahmavihāras, also die göttlichen Verweilzustände. Wenn man so will das Mindset, das anzustreben ist, um sich in der Welt friedlich zu bewegen. Und Teacher erzählt die Geschichte vom wütenden Elefanten „Nala Kiring“, der von Buddha kraft der liebenden Güte besänftigt wurde. Liebende Güte, die Energie, die durch alle Dimensionen schwingt.
Ich erinnere mich an ein Teaching in meinem Retreat in Nepal: Meditation (Gewinnung von Einsicht und Weisheit) ohne liebende Güte ist wie ein Vogel mit nur einem Flügel – er kann nicht fliegen. Meine gesamte Praxis und Ausbildung ergeben immer mehr Sinn. Ich verstehe nun, sechs Jahre später, endlich, was damit gemeint war. „We are all imperfect“ – „Wir sind alle unvollkommen“. Liebende Güte ist das Mindset, mit dem ich mich selbst tragen kann, wenn ich Dinge nicht hinbekomme, wenn die Gefühle schwer zu ertragen werden. Teacher fügt hinzu: „When it rains, how do you stop the rain?“ – „Wenn es regnet, wie stoppst du den Regen?“ Er hat recht. Es wird immer regnen, ob ich will oder nicht. Und meine üblichen Strategien, mit dem Regen umzugehen, sind Ablenkung durch leckeres Essen oder andere sinnliche Freuden. Hauptsache nicht spüren müssen, wie nass und kalt der Regen auf der Haut ist. Hauptsache nicht auf der ekligen Matte gehen und die Gedanken an Erbrochenes spüren müssen. Hauptsache Flucht und Genuss.












